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01.08.2019

Aktuelles im Harzmuseum

Bier – vom Lebensmittel zum Genussmittel?!

Herzlich Willkommen in unserer Rubrik „Objekt des Monats“, kurz OMO. Hiermit wollen wir Ihnen einen kleinen Einblick in den Bestand unseres Hauses ermöglichen, auf Neuerwerbungen, Besonderheiten oder unsere Liebhaberstücke hinweisen.

Zwei Glasflaschen mit Bügelverschluss der Hasseröder Bierbrauerei.
Zwei Glasflaschen mit Bügelverschluss der Hasseröder Bierbrauerei.

An jedem ersten Freitag im August wird der „internationale Tag des Bieres“ gefeiert. Ein kühles Blondes? Sicher gern! Heute ein weltweit beliebtes alkoholhaltiges Erfrischungsgetränk für Erwachsene – im Mittelalter gesünder als Trinkwasser und daher auch ein für Kinder geeignetes Lebensmittel.

Was ist Bier: Bier ist ein, durch Gärung aus stärkehaltigen Stoffen gewonnenes alkoholisches Getränk, das nicht destilliert wird. Die Zutaten sind Wasser, Malz und Hopfen, sowie ober- oder untergärige Hefe.

Archäologen fanden im Norden Israels, genauer in der Rakefet-Höhle im Kamel-Gebirge, frühe Hinweise auf die Herstellung von Bier aus wilden Weizen- und Gerstenarten. Die Funde datieren in die Natufien- Kultur, um 11.000 v. Chr. Hierbei handelt es sich um die bislang ältesten Nachweise des Bierbrauens. Ein schriftlich überliefertes Bierrezept (um 3000 v.Chr.) aus China zeigt sowohl die zeitliche Kontinuität, als auch die räumliche Verbreitung dieses Getränkes. Weitere frühe Nachweise stammen aus dem mesopotamischen Raum sowie Ägypten. Auch die Kelten wussten um die berauschende Wirkung dieses Getränkes – ob als einfaches Gerstenbier oder Weizenbier mit Honig.

In Zeiten von Missernten, Hungersnöten und Epidemien ergänzte das „flüssige Brot“ den Speiseplan der mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Bevölkerung und füllte dank Produktions- und Verkaufssteuern auch die Staatskassen.

Ab dem 16. Jahrhundert feierte das Hopfenbier zum Nachteil der verschiedenen Kräuterbiere seinen Siegeszug. Mit der Entwicklung zum Lagerbier in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts treten nun auch die ersten Bierflaschen in Erscheinung. Die Unternehmen mussten sich den veränderten Konsumgewohnheiten anpassen. Die Flaschen machten das Portionieren des Bieres möglich, was auch für die Absatzlogistik von Vorteil war. Die verschlossenen Glasflaschen boten des weiteren Schutz vor äußerlichen Einflüssen wie Bakterien und UV-Strahlung. Vorreiter hier waren die USA. Aber auch in Deutschland wurden Ende des 19. Jahrhunderts bereits ein Drittel aller Biere in Flaschen verkauft. Doch Schankwirtschaften und Kneipen erfreuten sich weiterhin großer Beliebtheit. Hier wurde noch bis in die 1960er Jahre offenes Bier in mitgebrachten Gefäßen an durstige Kunden verkauft.

Werfen wir einen Blick auf die Wernigeröder Industriegeschichte und das Brauereiwesen!

In der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts bestritten eine Vielzahl der Bewohner in den Tuch- und Leinenwebereien, mit der Branntwein- und Bierherstellung oder im Schuster- und Schneiderhandwerk ihren Lebensunterhalt. Ab 1850 boten die Stein- und Holzindustrie, das Baugewerbe sowie die Papier- und Chemieindustrie weitere Arbeitsplätze. Die Entwicklung von „Pensionopolis“ hin zu einer Industriestadt vollzog sich bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts, unterbrochen durch die zwei Weltkriege und die Wirtschaftskrisen. Wernigerode war weiterhin als Erholungsort bekannt und beliebt, doch in den 1930er Jahren auch ein wichtiger Standort für die Rüstungsindustrie. Auch die Errichtung eines Zwangsarbeiterlagers, ab 1943 Außenstelle des Konzentrationslagers Buchenwald, ist Teil der Wernigeröder Geschichte.

Das Brauereiwesen spielte schon früh auch in Wernigerode eine Rolle. Die Braugerechtigkeiten sind vom Grafen an die Stadt verliehen worden. Diese wiederum übertrug die Braurechte mit Erfüllung gewisser Auflagen (Hausbesitz, Nachweis eines größeren Holzdeputats, Leistung von Abgaben) an Privatpersonen. 1709 wurde die zulässige Anzahl der Brauhäuser auf 148 beschränkt. 1810 gab man die Braugerechtigkeiten auf und ebnete dem industriellen Brauereiwesen den Weg. Um 1900 gab es hier bereits sechs industrielle Produzenten, unter ihnen auch die 1848 gegründete Hasseröder Brauerei. An dieser Stelle möchten wir Sie gern wieder auf das Pendant des Stadtarchivs AMO aufmerksam machen. Hier haben die Kollegen eine Perkamenturkunde von Christian Ernst zu Stolberg transkribiert, mit der er, als Graf, das Recht auf Weißbierbrauen an den Magistrat der Stadt Wernigerode vergibt.

Detailaufnahme des Bügelverschlusses
Detailaufnahme des Bügelverschlusses
Schriftzug "Hasseröder Bierbrauerei"
Schriftzug "Hasseröder Bierbrauerei"

Sehen wir uns die Bierflaschen genauer an!
Wir haben hier zwei sogenannte Enghals- oder Langflaschen (Longneck-Flasche) mit einem zylindrischen Körper und sich konisch verjüngendem Flaschenhals (10 cm). Der Hals endet in einer runden, mit Bügelverschluss verschließbaren, im Durchmesser etwa 25 mm großen, Ausguss- oder Trinköffnung. Der flache Standboden weist eine konkave Wölbung nach innen auf und hat einen Durchmesser von 6 cm. Unsere Bierflaschen haben bei einer Höhe von 26 cm ein Fassungsvermögen von 0,5 l. Beide Flaschen weisen ein deutlich sichtbares Embossing auf. Der Schriftzug „Hasseröder Bierbrauerei“ lässt sich noch sehr gut erkennen. Dank des Bügelverschlusses waren die Flaschen, wenn man denn wollte, wiederverschließbar. Diese Verschlussform ist vor den 1880er entstanden. Bis zum Aufkommen der Kronkorken 1892 sind die Flaschen nach der Abfüllung daher noch alle händisch verschlossen worden.
Unsere Glasflaschen sind aus Buntglas (braun und grün) gefertigt. Die eingefärbten Flaschen schützen das Getränk für den sogenannten Lichtgeschmack. Die UV-Strahlung wird vom Braunglas besser gefiltert, weshalb heute in der Mehrzahl die dunkleren Flaschen verbreitet sind.

So ist eine Bierflasche mit Bügelverschluss aus den 1930er Jahren auch ein Zeugnis der spannenden Entwicklung Wernigerodes hin zur Industriestadt.