Holocaust Gedenktag
Holocaust-Gedenktag | Nie wieder ist heute
Am 27. Januar 2026, dem internationalen Gedenktag für die Opfer des Holocaust, wurde in der Mahn- und Gedenkstätte in Wernigerode der Opfer des Holocaust gedacht.
Er erinnert an den 27. Januar 1945, als die Rote Armee das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz erreichte und die dort noch lebenden Häftlinge befreite.
Die Gedenkveranstaltung wurde von Gedichten und Musikstücken begleitet, die Schülerinnen und Schüler der Kreismusikschule eindrucksvoll vortrugen. Im Anschluss fand eine Kranzniederlegung zum stillen Gedenken an die Opfer statt.
In seinen Worten des Gedenkens bezog Oberbürgermeister Tobias Kascha das Gedicht „An mein Kind“ von Mascha Kaléko ein. Die eindringlichen Verse unterstrichen auf besondere Weise die Verantwortung der heutigen Generationen, Erinnerung lebendig zu halten und für Menschlichkeit, Toleranz und Demokratie einzustehen.
Zahlreiche Bürgerinnen und Bürger waren der Einladung gefolgt und setzten gemeinsam ein Zeichen des Erinnerns und der Mahnung.
Rede von Oberbürgermeister Tobias Kascha
Wir stehen heute an einem Ort, der kein gewöhnlicher ist. Die Mahn- und Gedenkstätte am Veckenstedter Weg ist ein Ort der Stille – aber auch ein Ort der unbequemen Wahrheit. Ein Ort, der uns zwingt hinzusehen, nachzudenken und Verantwortung zu übernehmen. Am heutigen Holocaust-Gedenktag erinnern wir an die Millionen Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft – und wir erinnern daran, dass dieses Verbrechen nicht irgendwo geschah, sondern auch hier, in unserer Stadt, in unserer unmittelbaren Nachbarschaft.
Zu Beginn möchte ich erneut Worte sprechen lassen, die aus dem Exil geschrieben wurden. Worte von Mascha Kaléko, einer jüdischen Dichterin, die vor den Nationalsozialisten fliehen musste und deren Leben – wie das so vieler anderer – durch Verfolgung und Vertreibung unwiederbringlich geprägt wurde:
Dir will ich meines Liebsten Augen geben
Und seiner Seele flammenreiches Glühn.
Ein Träumer wirst du sein und dennoch kühn
Verschloßne Türen aus den Angeln heben.
Wirst ausziehn, das gelobte Glück zu schmieden.
Dein Weg sei frei. Denn aller Weisheit Schluß
Bleibt doch zuletzt, dass man hienieden
All' seine Fehler selbst begehen muss.
Ich kann vor keinem Abgrund dich bewahren,
Hoch in die Wolken hängte Gott den Kranz.
Nur eines nimm´ von dem, was ich erfahren:
Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz!
Du bist, vergiß es nicht, von jenem Baume
Der ewig zweigte und nie Wurzeln schlug.
Der Freiheit Fackel leuchtet uns im Traume –
Bewahr' den Tropfen Öl im alten Krug!
Diese Verse sprechen von Freiheit und Verantwortung, von Mut und Verletzlichkeit. Sie sprechen davon, dass Freiheit nicht selbstverständlich ist – und dass sie bewahrt werden muss. Mascha Kaléko wusste, wovon sie schrieb. Sie wusste, was es bedeutet, alles zu verlieren: Heimat, Sicherheit, Zugehörigkeit.
Der Holocaust war der beispiellose Versuch, Menschen systematisch zu entrechten, zu entmenschlichen und zu vernichten. Er war möglich, weil Ausgrenzung zur Normalität wurde, weil Wegsehen zur Gewohnheit wurde und weil zu viele zu lange geschwiegen haben.
Auch Wernigerode war Teil dieses Systems. Das ist eine Wahrheit, der wir uns stellen müssen – ohne Relativierung, ohne Ausflüchte.
Eineinhalb Jahre nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, im April 1941, wurde hier in Wernigerode ein Zwangsarbeiterlager errichtet. Zunächst waren es belgische, französische und holländische Arbeiter, die unter Zwang in den Rautalwerken eingesetzt wurden – einem Betrieb, der Zylinder- und Motorengehäuse für die deutsche Rüstungsindustrie herstellte: für Flugzeuge, Fahrzeuge, Schnell- und Sturmboote. Menschen wurden zu Werkzeugen gemacht, ihre Arbeitskraft ausgebeutet für einen Krieg, den sie nicht wollten.
Ein Teil dieser Zwangsarbeiter musste zudem beim Ausbau des benachbarten Galgenbergstollens als Luftschutzanlage arbeiten oder die Gleisbauanlagen instandhalten. Harte körperliche Arbeit, schlechte Versorgung, permanente Kontrolle – all das gehörte zum Alltag.
Im März 1943 verschärfte sich die Situation dramatisch. Um die Produktivität weiter zu steigern, wurden die ersten KZ-Häftlinge aus dem Konzentrationslager Buchenwald nach Wernigerode gebracht. Das Lager wurde zu einem Außenkommando des KZ Buchenwald. Die Erweiterung des Lagers – doppelte Stacheldrahtzäune mit 380-Volt-Ladung, Wachtürme, Steinbaracken – mussten die Häftlinge selbst errichten. Unter Bewachung. Unter Gewalt. Unter Einbeziehung örtlicher Betriebe. Auch das gehört zur Wahrheit.
Bis zur Auflösung des Lagers am 25. Dezember 1944 litten viele der Häftlinge unter unmenschlichen Bedingungen, unter Hunger, Kälte, Krankheit und dem schweren Arbeitseinsatz. Im November 1944 wurden Häftlinge zudem gezwungen, am Bahnhof Steinerne Renne im Stadtteil Hasserode ein weiteres Außenkommando des Konzentrationslagers Mittelbau-Dora zu errichten und in Rüstungsbetrieben wie den Wernig-Werken zu arbeiten.
Das alles geschah hier. In unserer Stadt. An Orten, an denen heute Menschen leben, arbeiten, unterwegs sind. Gerade deshalb ist diese Gedenkstätte so wichtig. Sie macht sichtbar, was allzu leicht vergessen oder verdrängt werden könnte.
Erinnerung muss keine Schuldzuweisung an vergangene Generationen sein. Sie ist eine Verantwortung und eine Mahnung an heutige Generationen. Eine Verantwortung, die sich daraus ergibt, dass wir wissen – und nicht unwissend bleiben dürfen.
Der Holocaust-Gedenktag fordert uns auf, die Verbindung zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu erkennen. Antisemitismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit sind keine Relikte der Geschichte. Sie begegnen uns auch heute – in Worten, in Taten, in Haltungen. Oft leise, oft schleichend, manchmal offen und brutal.
Mascha Kaléko schreibt: „Wer du auch seist, nur eines – sei es ganz.“
Ganz Mensch sein heißt auch: Haltung zeigen.
Ganz Mensch sein heißt: widersprechen, wenn Menschen herabgewürdigt werden.
Ganz Mensch sein heißt: die Würde jedes Einzelnen zu verteidigen – ohne Ausnahme.
Und wenn sie schreibt: „Bewahr' den Tropfen Öl im alten Krug“, dann ist das ein Auftrag an uns alle. Die Flamme der Erinnerung darf nicht verlöschen. Sie braucht Pflege, Aufmerksamkeit und den Willen, sie weiterzugeben – an unsere Kinder, an kommende Generationen.
Gerade in einer Stadt wie Wernigerode, die sich ihrer Geschichte bewusst ist und sich zu Demokratie, Vielfalt und Menschlichkeit bekennt, ist dieses Gedenken Teil unserer Identität.
Lassen Sie uns heute der Opfer gedenken – der Namenlosen wie der Bekannten.
Lassen Sie uns trauern um das unermessliche Leid.
Und lassen Sie uns zugleich den festen Entschluss fassen, dass wir aus der Erinnerung handeln.
Nie wieder ist kein Satz aus der Vergangenheit.
Nie wieder ist ein Auftrag für die Gegenwart.