Fertigstellung des Registers zu den Wernigeröder Bürgerbüchern (1563 - 1840)

Das Bürgerbuch der Stadt Wernigerode

Vor Kurzem konnte im Stadtarchiv Wernigerode ein langwieriges Projekt erfolgreich beendet werden.
Nach mehreren Jahren Arbeit liegt nun ein umfangreich erschlossenes Register zu den Bürgerbüchern der Stadt Wernigerode vor.

Es wurde zwar in den 30-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts im Zuge der nationalsozialistischen Rasse- und Ahnenpolitik ein ähnliches Register erstellt. Dieses liegt allerdings nur nach Nachnamen geordnet vor. Da dieses Register leider fehlerhaft als auch unvollständig ist und die Familienforschung auch heute einen wichtiger Bereich der Archivarbeit darstellt, war die Intensiverschließung der insgesamt 6 Bürgerbücher seit langem überfällig.

Glücklichen Umständen ist es zu verdanken, dass die Bücher lückenlos aus der Zeit von 1563 bis 1840 vorliegen. In den letzten Jahren wurden die durch den häufigen Gebrauch physisch stark beanspruchten und teilweise beschädigten Bücher fachgerecht restauriert und mikroverfilmt. Der Zugriff erfolgt also jetzt über ein Mikrofilmlesegerät, von wo aus auch Kopien angefertigt werden können. Die Originale werden aus bestandserhaltenen Gründen
nur noch in Ausnahmefällen benutzt.

Der Begriff Bürgerbuch beschreibt auch schon deren Inhalt. In ihnen wurden all diejenigen
Einwohner verzeichnet, die das Bürgerrecht der Stadt erworben haben. Erworben heißt in diesem Fall Erwerb durch Bezahlung. Das Bürgergeld, zeitweise (während des 30-jährigen Krieges) bis zu 30 Reichstaler, war eine wichtige Einnahmequelle für die städtische Kämmerei. Die nicht unerhebliche Summe, die dem ungefähren Jahreseinkommen eines Handwerkers entsprach, konnte nicht von allen Neubürgern in einer Summe gezahlt werden. Aus diesem Grund zum wurden Teil Ratenzahlungen von über 10 Jahren vereinbart.

Oft finden sich in den Eintragungen Hinweise auf Bürgen, die wahrscheinlich für die noch ausstehenden Ratenzahlungen bürgten. Erstaunlicherweise erscheinen oft die selben Personen bei unterschiedlichen Antragstellern. So finden sich einige Dutzend Einträge mit einem Herrn Pfannenstein als Bürgen.

Gerade während des 30-jährige Krieges erhöhte der Magistrat das Bürgergeld von 10 auf 30 Taler. Dies ist nicht verwunderlich, wenn man bedenkt, dass in dieser Zeit die Stadtkasse regelmäßig durch Kontributionszahlungen und andere Kriegskosten der zu versorgenden Kriegstruppen geplündert wurde.

In Ausnahmefällen war es möglich, das Bürgergeld durch Dienste für die Stadt , z.B. für Stadtknechte oder Nachtwächter, abzuarbeiten.

Ein Fall aus dem Jahre 1583 ist bekannt, bei dem das Bürgergeld ersatzweise durch ein Schwein im Wert von 6 Florin angenommen wurde.

Die Summe des Bürgergeldes war allerdings nicht für alle gleich , so dass z.B. Bürgersöhne, deren Väter schon Bürger waren, weniger bezahlen mußten. Meist verringerte sich das Bürgergeld um die Hälfte. Dies galt ebenso für Fremde, die eine Bürgerstochter oder eine Bürgerswitwe heirateten.

Vor der Annahme als Bürger mußte der Antragsteller wahrscheinlich ein Attest vorweisen, dass ihn als unbescholtenen Bürger seines vorherigen Wohnortes auswies.

Nachweislich wurde 1634 ein Geburtsbrief als Nachweis anerkannt, der nachgereicht werden mußte.

Ebenso mußten die Antragsteller vor dem Bürgermeister und Rat erscheinen und mit erhobenem Finger den Bürgereid leisten.

Um 1800 lautete dieser:


"Ich gelobe und schwöre zu Gott dem Allmächtigen und Allwissenden einen
leiblichen Eid in meine Seele, daß ich sowohl Seiner Hochgräflichen Gnaden
meinem gnädigsten Grafen und Herrn jederzeit unterthänig treu und gewärtig sein, wie auch dem hiesigem Magistrate den schuldigen Gehorsam und Folge
leisten, dass ich deroselben und der Stadt Rechte und Gerechtigkeit mit Fleiß
in Acht nehmen, deren Bestes und Interesse befördern, Schaden und Nachtheil
aber, so viel an mir ist, abwenden will.
Ich schwöre auch, daß ich bei Feuersgefahr oder sonst, wenn ich zum Rathause
gefordert werde, jederzeit erscheinen, des Magistrats Gebothe und Verbothe
gehorsamlich achten und mich überhaupt so betragen will, wie es einem redlichen
Bürger gebühret und anstehet.
So wahr mir Gott helfe, durch sein heiliges Wort, Jesus Christus zur Seeligkeit.
Amen"


Mit der Aufnahme als Neubürger waren Rechte, aber auch Pflichten verbunden.

Im Schutze der Stadt einschließlich der Stadtbefestigung war ein relativ sicheres Leben
gewährleistet. Vor umherziehenden Horden und Plünderern war man innerhalb der Stadtmauer einigermaßen sicher.
Die Landflucht und das Wüstwerden der Dörfer und Flecken um Wernigerode in unsicheren Zeiten, auch schon im Mittelalter, belegen dies.

Handwerker, wie Bäcker oder Zimmerleute, waren in Innungen und Gilden organisiert, in denen Nichtbürger kaum Aufnahme fanden. Somit war die Erlangung des Bürgerrechtes nicht nur eine Ehrenpflicht, sondern Grundlage für den gesicherten Broterwerb.
Die Aufnahme in ein öffentliches Amt beim Magistrat erforderte ohne Ausnahme die vorherige Bürgerrechtsverleihung.

Mit dem Erwerb des Bürgerrechtes, dass zeitweise mit der Bezahlung des "ledernden Eimers", später auch einer "Feuerstrentze" für die Brandbekämpfung verbunden war,
gab es noch weitere Pflichten für die Neubürger.

Neben der Zahlung vielfältiger Abgaben und Steuern (z.B. Rauchhühner, Abschoss und Fräuleinsteuer), hatten die Bürger innerhalb ihrer Rotten (straßenweise Unterteilung innerhalb der Stadt) und als Mitglieder in den Innungen den Wachschutz auf der Stadtmauer zu organisieren. Verstöße dagegen wurden hart geahndet; allerdings war auch
der Freikauf durch Zahlung eines Ablösegeldes möglich.

Zur Bereitschaft im Verteidigungsfall mußte die Bürgerschaft möglichst gut bewaffnet sein.
Es ist nachzuweisen, dass zeitweise die Bürgerrechtsverleihung nur mit dem Vorzeigen einer
"Musquete mit Seitenwehr" möglich war.

Es gab auch Fälle, in denen Einwohner in die Stadt zogen, ohne das Bürgerrecht erwerben zu wollen. 1585 wird einem "Alten Braumeister zu Heimburg" vorgeschrieben, dass er bei
Nichtzahlung des Bürgergeldes die Stadt zu räumen hat.

Auch Bewohner, die als unehrenhaft geltende Berufe ausübten, genannt seien hier die Bader, erwarben das Bürgerrecht.
Dies gilt ebenso für sozial höhergestellte Persönlichkeiten, wie Gräfliche Beamte, Advocaten, Pastoren und Lehrer. Selbst der Stadtschreiber Henricus Bona wird 1636 offiziell Bürger.
Den höhergestellten Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens blieb es auch vorenthalten,
vor ihrer Namensnennung die Bezeichnung "Herr" in den Bürgerbüchern zu führen.


Die Eintragungen in den Bürgerbüchern selbst beinhalten anfänglich nur Angaben zum Namen, Vornamen, dem Herkunftsort und dem Datum der Bürgerrechtsverleihung.
Dazu kamen, abhängig vom Jahr und dem Kanzlisten oder Stadtschreiber, der den Eintrag vornahm, ergänzende Angaben zum Vater, eventuellen Kindern, dem Beruf, bei Auswärtigen der zukünftigen Ehefrau (Bürgerstöchter und Bürgerswitwen).
Die jetzt erfassten Angaben geben aufschlussreiche Einblick in die soziale Strukturen innerhalb der Stadt vom 16. bis 19. Jahrhundert.

Nach den Reformen, die nach der französischen Besatzungszeit im frühen 19. Jahrhundert,
eine Liberalisierung und Neuordnung u.a. auch des Städterechts in Preußen mit sich brachte, verlor die Bürgerrechtsverleihung nach und nach seine ursprünglichen Bedeutung.

Mit der letzten Eintragung vom 11. Februar 1840 im Band VI der Bürgerbücher enden diese.

Durch die Intensiverschließung der hiesigen Bürgerbücher können sowohl Archivmitarbeiter als auch interessierte Bürger schnell und effizient in den wichtigsten familiengeschichtlichen Quellen des Stadtarchivs recherchieren. Oft lassen sich familiäre Zusammenhänge über viele Generationen hinweg ermitteln.

Neben der paläographischen Übertragung der wichtigsten Angaben wurde auch ein Personenregister (bei den Namen wurde neben der ursprünglichen Schreibweise auch heute mögliche Namensschreibweisen verzeichnet) erstellt. Beide liegen sowohl als Datei als auch Papierausdruck vor und können im Stadtarchiv am Oberpfarrkirchhof 5 benutzt werden.

Beispiele für Bürgerrechtseintragungen:

"Bastian Gerlachs eins Burgerssohn hatt heut freitag nach Burchardi (1570) seinen eidt gethan und ist Burger worden"

"Wernigerode in curia den 27 t(en) Augusti 1787
Der Schlossermeister Christian Heinrich Ziese aus Elbingerode bürtig, welcher die Johanne Sophie Krahmer, eine Bürgerstochter geheirathet, bath um Ertheilung des Bürgerrechts für sich seine 2 Töchter und 1 Sohn, die nach herrschaftl (icher) Verordnung vom
2 t(en) Sept (ember) 1771 frey sind, so erlegt derselbe für sich auf die 11 rt (Reichsthaler)
16 g(roschen) 6 Pfennige und versprach die übrigen 5 rt (Reichsthaler) 16 g(roschen) vor
Ablauf dieses Jahres zu bezahlen, worauf derselbe den Bürger Eyd acto corporali ablegte und recipiret wurde"

Mahrenholz
Leiter Stadtarchiv Wernigerode

(V.i.S.d.P. 27.01.2009)

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