Kommunale Waldbesitzer fordern: Spannungsfeld von "Wald und Wild" in Einklang bringen

Wald und Wild im Einklang?
Sie fordern anlässlich der Bundestagung des Deutschen Kommunalwaldes am 22. November 2010 in Wernigerode eine zeitgemäße Jagd, die das Spannungsfeld "Wald- und Schalenwild" endlich in der seit über 50 Jahren in Deutschland teilweise sehr emotional geführten Wald-Wild-Diskussion in Einklang bringt.

"Wald und Wild gehören zusammen. Allerdings lässt sich das erklärte Ziel, stabile, artenreiche, klimaangepasste und produktive Wälder zu erziehen, nur dann erreichen, wenn die Belange der Forstwirtschaft klaren Vorrang vor den Belangen der Jagd erhalten.

Überhöhte Wildbestände und fortwährende Wildschäden gefährden jedoch eine nachhaltige, naturnahe Bewirtschaftung der Wälder und führen bei den Waldeigentümern zu erheblichen finanziellen Mehraufwendungen und Mindererträgen, die häufig die Einnahmen aus der Jagdverpachtung überschreiten. Oberstes Ziel muss es daher sein, die Schalenwildbestände auf ein Maß zu regulieren, dass eine natürliche Verjüngung der Baumarten in den heimischen Wäldern ohne Schutzmaßnahmen möglich wird.

Der Bejagung des Schalenwildes kommt daher bei einer naturnahen Waldwirtschaft eine Schlüsselrolle zu. Forstpartie und private Jägerschaft müssen hier zukünftig im Sinne von Wald und Wild an einem Strang ziehen", so der Vorsitzender des Gemeinsamen Forstausschusses der Bundesvereinigung der kommunalen Spitzenverbände Deutscher Kommunalwald", Verbandsdirektor Winfried Manns (Mainz).

Obwohl die jagdgesetzlichen Vorgaben besagen, dass die Wilddichten durch die Ausübung der Jagd auf einem waldverträglichen Niveau gehalten werden müssen, bestehe in Deutschland vielerorts das Dilemma in der erheblichen Diskrepanz zwischen dem gesetzlichen Auftrag und seiner praktischen Erfüllung. Die Umsetzung scheitere oftmals am Widerstand einer mehrheitlich an hohen Wilddichten interessierten Jägerschaft. Im Interesse des Waldes und einer nachhaltigen Waldbewirtschaftung seien daher Defizite im Vollzug bestehender gesetzlicher Vorgaben abzubauen, aber auch Weiterentwicklungen im Jagdrecht erforderlich, erläutert Manns. So fordern die kommunalen Waldbesitzer, dass das Jagdrecht des Grundeigentümers gegenüber dem Jagdausübungsrecht der Jäger gestärkt, moderne revierübergreifende Bejagungsstrategien angewendet, die Abschussregeln für Rot-, Reh- und Schwarzwild konsequent auf den Schutz des Waldes ausgerichtet, die Jagdzeiten anhand wildbiologischer Erkenntnisse überarbeitet und die Fütterung von Schalenwild grundsätzlich verboten werden.

Vielerorts gestalte sich darüber hinaus die Verpachtung von Jagdbezirken zunehmend schwieriger. Die Gründe hierfür sieht Manns in dem fortschreitenden Anbau von Energiepflanzen in der Landwirtschaft. In Rheinland-Pfalz gehe es dabei beispielsweise in erster Linie um den Maisanbau für Biogasanlagen. Zwar sei die Entwicklung von Landwirten zu "Energiewirten" zu begrüßen.

Allerdings löse diese Entwicklung gleichzeitig auch einen Wandel in der Landwirtschaft bzw. Landschaft aus, der in vielen Regionen mit negativen Folgewirkungen auf die Jagdnutzung verbunden sei. Abhilfe könne dadurch geschaffen werden, dass die Länder "Energiemais" bzw. Energiepflanzen durch Änderung ihrer Jagdgesetze den Status von "Sonderkulturen" im Sinne des § 32 Abs. 2 Bundesjagdgesetz verschaffen.

Ein gesetzlicher Anspruch auf Wildschadensersatz würde in diesem Falle nur bestehen, wenn der Landwirt selbst Schutzmaßnahmen vorgenommen habe. Darüber hinaus müssten die Gestaltungsspielräume der Vertragsparteien bei der Jagdverpachtung im Sinne des eigenverantwortlichen Handels erweitert werden.

Diesem könne durch eine Verkürzung der gesetzlichen Mindestpachtdauer von bisher neun bzw. zwölf Jahren Rechnung getragen werden.

Weitere Informationen und Kontakt:
Ute Kreienmeier
Referatsleiterin Kommunalwald
T. 0228 - 95 96 227 Handy: 0171 - 95 33 684

Hintergrund-Informationen:
In Deutschland ist Rehwild auf 99 %, Schwarzwild auf 83 % und Rotwild auf 33 % der Waldfläche vorzufinden. Die Wildbestände sind heute so hoch wie nie zuvor, die Jagdstrecken haben sich in den letzten 50 Jahren vervierfacht, beim Rehwild verdreifacht. Für den Wald bleibt dies nicht ohne Folgen.

Die anhand von Verbiss- und Verjüngungsinventuren festgestellten Schäden durch Wildverbiss befinden sich seit Jahren auf unverändert hohem Niveau. Selbst auf eingezäunten Waldflächen wurden zum Teil erhebliche Schäden festgestellt. Die Bundeswaldinventur dokumentiert erhebliche Unterschiede in der Verbisshäufigkeit zwischen den Bundesländern. In einzelnen Bundesländern deutet sich lediglich in den staatlichen Regiejagden eine Verbesserung der Verbisssituation an.

Das vom Deutschen Forstwirtschaftsrat (DFWR) gemeinsam mit der Arbeitsgemeinschaft Naturgemäße Waldwirtschaft und dem Bundesamt für Naturschutz in Auftrag gegebene Gutachten "Der Wald-Wild-Konflikt - Analyse und Lösungsansätze vor dem Hintergrund rechtlicher, ökologischer und ökonomischer Zusammen-hänge" beschreibt die ökologischen und ökonomischen Konsequenzen von Schalenwildverbiss.

Die ökologischen Auswirkungen sind danach vielfältig. Reh- und Rotwild ernähren sich als Pflanzenfresser auch von kleinen Waldbäumen und richten dabei vielerorts katastrophale Verbiss- und Schälschäden an. So kommt es erstens zu Wachstums-einbußen durch Biomasseentzug, von dem besonders die zunächst vom Wild bevorzugten vitalen und wuchskräftigen Pflanzen der Baumverjüngung betroffen sind. Zweitens führt einmaliger Verbiss bei Keimlingen bzw. mehrfacher Verbiss bei älteren Pflanzen bei verschiedenen Baumarten zum Absterben. Drittens kommt es durch den selektiven Verbiss insbesondere des Rehwildes zur Entmischung der künftigen Waldbestände. Angesichts des Ausmaßes der Schäden ist die Situation im Hinblick auf den Aufbau von Mischbeständen zur Anpassung an den Klimawandel, die Kohlenstoffspeicherung und die dauerhafte Sicherung der Schutzwirkung von Wäldern bedenklich. Bei hohen Wilddichten werden fast alle Baumarten gleichermaßen verbissen. Eine langfristig naturnahe Bewirtschaftung stabiler Wälder kann nur bei niedrigen Schalenwilddichten erreicht werden.

Die tatsächlichen ökonomischen Konsequenzen von Verbiss-Schäden für die Waldbesitzer und die nachfolgenden Generationen von Waldbesitzern erscheinen bei konventionellen Schadensbewertungen nicht, weil die Nachteile einer Baumarten-Entmischung nicht berücksichtigt werden. Die Waldbesitzer müssen aber mit einem Baumarten ärmeren Wald höhere Risiken in Kauf nehmen (Sturm- und Kalamitäten anfälliger). Beim auf den überhöhten Wildverbiss folgenden Risiko handelt es sich aber nicht um ein bewusst in Kauf genommenes, sondern um ein aufgezwungenes Risiko; ein unerwünschter Effekt, für den Waldbesitzer eine angemessene Kompensation verlangen müssten!


Kontakt und weitere Informationen:

Stadtverwaltung Wernigerode
Revier Stadtforst
Bahnhofstraße 35
38855 Wernigerode 
Tel: 03943. 654. 822
E-Mail: Michael.Selmikat@wernigerode.de


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